Am Ende der Belastbarkeit


Wäre ihm eine Stimme gegeben, so würde er leise stöhnen, unter der erdrückenden Schwere der Zumutung, die er, seinem Zweck folgend, problemlos trägt. Die Endorphin-Schmiede in Niedereschach, die Herzen der Motorradfahrer auf Drehzahl bringt, gab dem Fahrwerk meiner F 800 GS das kräftigste, verfügbare Standbein, eine Touratech-Innovation, speziell konzipiert für Motorräder unter hoher Zuladung auf Fernreisen. Der Touratech Suspension Level 2/ Explore HP.

Pictures: Rea La Greca, Günther Menn †  Text: Günther Menn

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Die bevorstehende Etappe auf unserer Projektreise „NOmadsLand“ führt uns in den Lebensraum der Massai, das sich nördlich des Kilimanjaro, entlang der kenianisch-tansanischen Grenze erstreckt. Alle Warnungen ignorierend, ein solch beladenes Motorrad durch dieses Gebiet bringen zu wollen sei unmöglich, machen wir uns auf den Weg, machen mit unserer BMW das Unmögliche möglich. Einzig die fast unsichtbaren „speed humps“, tonnenförmige Erhebungen über dem Asphaltband, die kurzfristig die Geschwindigkeit aller Fahrzeuge reduzieren, können die 500 Kilogramm Motorrad in Richtung „White Cape“, wie der höchste Berg Afrikas auch genannt wird, bremsen. Ohne Hinweis wölben sie sich unvermutet auf, vor Ortschaften oder auch dort, wo unscheinbar in dürrer Landschaft verstreute Hütten liegen, dass jeder, der sie übersieht, sich glücklich schätzen kann, wenn er und sein Fahrzeug unbeschädigt bleiben. In Kadjado, nahe der tansanischen Grenze, biegen wir nach Osten ab, auf  die „not recommended roads“, Pisten, die zum Amboseli National Park führen. Die stärkste Feder montiert, mit 50% härterer Vorspannug als herkömmliche Dämpfer, klopft das Hinterrad den Sand aus dem tiefen Wellblech. Der Touratech Suspension reagiert auf diese irritierenden Dauerschläge, sowie auf tückische Felsen, deren Spitzen wie Eisberge aus dem Boden ragen, mit einer blitzartigen Dämpfungsfrequenz, sodass das Fahrwerk, ungeachtet der mächtigen Masse, die am Rahmen zerrt, stabil bleibt.


Weit entfernt, kündigt die in der untergehenden Sonne leuchtende rostbraune Gischt am Himmel, ein Meer an. Durch die Siedlung Lengesim, die den Charme eines verlassenen Goldgräberdorfes hat, wehen vor dem angekündigten Duell keine Sträucher über den Sand, sondern Plastiktüten. Hier verbringen wir die Nacht. Kurz nach Sonnenaufgang folgen wir dem Massai Chief der Gemeinde, Johannes, auf seiner 125er China-Toyo, durch den von Plastikmüll verwehten Ort. Hinter den letzten Hütten stoppt er abrupt vor offener Steppe, reisst seinen rechten Arm in die Luft und rät uns, immer seinem Finger nach zu fahren. Seine Fingerspitze endet in dem leuchtenden Streifen am Himmel. Ein roter Sandpfad führt uns direkt hinein, in das wogende Meer aus mehligem Sandstaub, dass sich weit über den Horizont hinaus vor unseren Rädern ausbreitet, knietief. Der heisse, noch trockene Wind, der den Regen bringen soll, peitscht den roten Puder in die Atmosphäre, wirbelt in Sandhosen das Fesch Fesch in den bleiernen Himmel, der erdrückend über der Landschaft schwebt. Schwer mit Bausand aus illegalen Sandgruben beladene LKWs fräsen auf ihrem Weg in die Bauboomtown Nairobi während der Regenzeit tiefe Fahrrinnen in die Piste, die sich mit Flugsand füllten. Massai, auf ihrem Weg in die Grube erzählen uns, dass der Abtransport zwar ihre Weiden weiträumig durch Staub vernichtet, doch ihre Arbeitskraft als Sandlader ihnen ein bescheidenes, aber regelmässiges Einkommen von 4 Euro pro LKW sichert. Zum Grasen treiben sie ihre Herden widerrechtlich über die offene Grenze in den Amboseli Nationale Park , flüchten oder graben sich in Löcher ein, wenn sie ins Visier der Park Ranger kommen.


Mit reduziertem Reifendruck sackt die BMW in den wabernden Untergrund, der Flugsand ist zu fein, um zwei schmale Räder tragen zu können. Wassergleich spritzt er auseinander, schiesst in Fontainen hoch und vernebelt die Sicht. Über Serien hoher Bodenwellen rutscht der Motorschutz, durch stufenartige Löcher, tiefe Mulden, unter dem Fesch Fesch verdeckte, scharfkantige Lateritplatten bringen wir schleudernd die BMW voran. Ich wünschte mir eine noch kräftigere Feder, um der F800 mehr Freiheit über dem Boden zu geben. Aber die Belastung durch eine noch härtere Dämpfung an der Dämpferaufnahme der Schwinge und des Rahmens, trotz verbauter Schrauben einer speziell hochwertigen Festigkeit, könnte das Fahrwerk beschädigen. Aber der Level 2 Explore HP dämpft alles, außer Wünsche. Nicht müde werdend, stemmt er die 500 kg BMW über das scheinbare Ende der Belastbarkeit hinaus.
Entlang der Amboseli Road, eine Wellblechtrasse, die zum Ostgate des Parks führt, gesäumt von Bomas der Massai, erhalten wir einen ersten Eindruck ihrer Kultur. Schnell erkennen wir, dass hier Kultur zu Touristenpreisen angeboten wird, dass diese „Plastik-Massai“, wie sie auch spöttisch genannt werden, nicht unsere Zielgruppe sind. In Kimana lernen wir Juan, den Spanier und seine Frau Bella, eine kenianische Luo, kennen. Als Lehrerin unterrichtete sie in einer Schule, die Juan im Massai-Land als Entwicklungshilfe baute. Sie ist der Schlüssel zu den Massai, da sie uns durch ihre Kontakte den Zugang in eine Cultural Massai Boma ermöglicht, in der unter staatlicher Schirmherrschaft Massai Tradition gelehrt und gelebt wird. Nach acht Tagen Leben zwischen Rindern und Kuhdung bauen wir unser Zelt ab, denn wir müssen zurück nach Nairobi, um schnellst möglich unsere Ausreise aus Kenia vorzubereiten. Unsere Visa laufen ab.

Category: Adventure | Travel