Bollenstarkes Bollwerk: Die Pyrenäen in Andorra und Espot


Mitten in Europa gibt es sie, die Regionen mit hohem Abenteuer-Potenzial. Eine davon ist der zerklüftete, raue Gebirgszug der Pyrenäen, der Frankreich und Spanien wie ein weit über 3000 Meter hohes Bollwerk voneinander trennt.

Drei Staaten und genau genommen fünf Nationen (inklusive der sich als eigenständig betrachtenden Basken und Katalanen) teilen sich die Bergwelt. Ein nahezu babylonisches Sprachengewirr macht alleine schon den Versuch, sich mit der – nebenbei bemerkt äußerst sympathischen – Bevölkerung zu verständigen, zu einem Erlebnis der besonderen Art. Wilde Täler, tiefe Schluchten, spektakuläre Gebirgs-Massive, unvergessliche Panoramen machen den ganz eigenen Reiz dieser Landschaft aus. Besonders spannend ist das Offroad-Vergnügen in und um den Zwergstaat Andorra sowie in der Region Espot, der kleinen katalanischen Gemeinde in der Provinz Lleida im Nordosten Spaniens.

Für uns Offroader eröffnen die spanischen Pyrenäen zigtausende Kilometer unbefestigter Straßen und Wege in einem gigantischen Betätigungsfeld. Allerdings muss man auch aus dem Schwarzwald kommend weit über 1000 Kilometer Anreise in Kauf nehmen um spanischen Boden unter die Räder zu bekommen. Und dennoch – wo ein Wille ist – da ist auch ein Weg. Früh morgens setzen sich mein Freund Jürgen und ich uns auf die Mopeds. Jürgen ist ein versierter Fahrlehrer mit vielen Offroad-Genen in sich und hat für heute eindeutig den Joker: Er reist auf einer BMW GS1250 Adventure – einem fahrbaren Offroad-Wohnzimmer wie ich scherzhaft meine. Mich selbst begleitet eine KTM 790 Adventure R in die Pyrenäen. Der Reisekomfort ist überraschend gut. Obwohl ich mit meinen 195 cm Körpergröße wirklich kein Zwerg bin, ist der Sitzkomfort sowie der Fahrkomfort für diese relativ leichte und wendige Enduro sehr gut. Bereits bei der stundenlangen Autobahnanfahrt durch die Schweiz und Frankreich ahne ich die Offroad-Gene in dieser spritzigen, mit 95 PS ausgestatten Powermaschine.

Irgendwie erreichen wir unser Ziel und sind froh, den Companero-Motorradanzug gegen ein luftiges T-Shirt und einer kurzen Hose zu tauschen. Über 14 Stunden hat die Anreise gedauert. Dabei haben wir alle Klimazonen am eigenen Körper erfahren dürfen. Bei der Abfahrt kalte sechs Grad – später Regen und dann ab Frankreich brütende 38 Grad. Klasse, dass dieser Motorradanzug sich wirklich allen Wetterbedingungen anpasst. Wir sind froh in einem Hotel in Rialp, einem kleinen verschlafenen Dörfchen in Espot, für die kommenden Tage eine wunderbare Unterkunft zu finden. Von hier aus warten in Summe 12 Offroad-Touren auf uns – ob wir die wohl alle in einer Woche bewerkstelligen können.

Gleich am nächsten Morgen geht es auf alten Schmuggler-Pfaden rund um Andorra bis hin zu den mächtigen Felsformationen des Pico Negro in Andorra. Alle diese Schmugglerpfade sind heute Legenden. Und dennoch - Andorra ist ein kleines, unabhängiges Fürstentum in den Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien. Es ist für seine alpine Bergwelt und seinen Status als Steueroase bekannt, in der zollfreies Einkaufen möglich ist. In der Hauptstadt Andorra la Vella laden Boutiquen und Juweliergeschäfte in der Avenue Meritxell sowie zahlreiche Einkaufszentren zum Einkaufsbummel ein. Hier findet man tatsächlich fast alles, was man für Geld kaufen kann – und zwar deutlich günstiger als beispielsweise in Deutschland. Das war auch früher so – und so gab es nicht weniger Schmuggler, die Waren aus Andorra nach Frankreich bzw. Spanien über steile Wanderrouten – häufig mit Mauleseln – schmuggelten. Uns interessiert das Shopping gar nicht. Uns interessieren die alten Wege, die fast alle mit Offroad-Fahrzeugen befahrbar sind. Das ist ein unvergleichbares Abenteuer. Und genau jetzt spielt die schlanke KTM 790 Adventure R alle Vorteile aus. Mit knapp 200 kg Gewicht ist sie wirklich sehr agil.  

Steilste Auffahrten und schmale Trails nimmt sie völlig gelassen unter die Stollen. Schnell schrauben wir uns auf über 2500 Meter Meereshöhe und genießen die mannigfachen Ausblicke im Bergparadies Andorra. Manche Passagen lassen sich durchaus lieblich, andere als sehr anspruchsvoll klassifizieren. Generell muss man bei diesen Schmugglerrunden nicht selten mit Wasserdurchfahrten rechnen. Viele kleine Flüsse und Bäche traversieren die Strecken und man muss schon genau aufpassen, wo und wie man diese Stellen durchfährt.

Meist ist es günstig die Wasserpassagen erst einmal zu Fuß zu durchqueren um sicher zu sein, ob es nicht doch plötzlich große Unebenheiten unter der Wasseroberfläche gibt. Generell lässt sich wieder einmal feststellen, wenn es schwierig wird, dann hilft Gas geben – und wenn es dann noch schwieriger wird – ja dann muss man halt noch mehr Gas geben. Und wenn es dann noch schwieriger wird – dann muss man halt aufpassen, dass man nicht baden geht… In Andorra angekommen, versuchen wir den Pico Negro unter die Stollen zu nehmen. Dieser über 2800 Meter hohe Berg ist ein weit sichtbares Wahrzeichen von Andorra. Bereits vor vier Jahren war ich hier und habe damals so wie heute über die wunderbare Bergwelt gestaunt. Dieses Jahr gestaltet sich die Auffahrt als extrem schwer.

Der einspurige Trail durch die Bergwelt ab ca. 2500 Höhenmetern ist extrem erodiert. Äußerst grober und loser Schotter säumt den Weg, der den Namen Weg nicht verdient. Es ist eher eine Fläche bei ca. 30 Prozent Steigung. Mit der KTM 790 Adventure R ist das Befahren schon schwer – mein Freund Jürgen müht sich hier mit seiner großen GS1250 Adventure. Hatte er noch ein lockeres Grinsen auf der Autobahn in der Schweiz im Gesicht – so kann ich nun schelmisch lächeln und nach seinem werten Wohlbefinden fragen… Der Schluss-Stich auf einen der höchsten Berge von Andorra ist uns heute nicht vergönnt – mit den Reise-Enduros sind die letzten Höhenmeter unserer Meinung nach nicht zu befahren. So machen wir kehrt und fahren zurück. Weit unterhalb unseres Wendepunktes wartet eine Gruppe französischer Enduristen die ungläubig schauen, woher wir kommen. Sie haben bereits einige hundert Höhenmeter früher kapituliert. Und genau das ist richtig. Beim Endurowandern kommt es meiner Meinung nach überhaupt nicht darauf an, jeden Berg und jeden Gipfel zu erklimmen – wichtig ist, Freude am Fahren zu haben und vor allem gesund und heile am Abend ein Glas spanischen Rotwein zu genießen und nicht Kopf und Kragen zu riskieren.  

Die kommenden Tage vergehen wie im Fluge. Mit dem Wetter haben wir großes Glück, wobei die allgemeine Wetterlage in den spanischen Pyrenäen von Juni bis Ende September sehr stabil ist. Unsere Offroad-Touren liegen alle sternförmig um die Ortschaft Rialp verteilt. Nie haben wir längere Anfahrtswege als ca. 40 Kilometer um auf traumhaften Trials und Pisten die Bergwelt zu bestaunen. Die Region Espot besteht aus vielen Pyrenäen-Kämmen die sich weit ins Land erstrecken. Diese Kämme sind fast alle befahrbar. Diese Routen muss man wirklich mit dem Prädikat „herrlich“ und „traumhaft“ beschreiben. Eine weitere, teilweise recht ruppige Tour geht auf den Gipfel des L’Orri, einem fast 3000 Meter hohen Pyrenäen-Plateau mit gigantischer Weit- und Aussicht. Egal in welche Richtung man blickt, man sieht nur Berge und Himmel. Man kann sich gar nicht sattsehen. Nach über einer Stunde auf dem Gipfel sind wir immer noch fasziniert wie in der ersten Sekunde – aber irgendwie verkündigen Gewitterwolken in der Ferne einen kleinen Wetterumschwung und den wollen wir hier oben lieber nicht erleben. Auf der Talfahrt durch unendliche Wälder sehen wir, dass sich die Gewitterwolken wieder verziehen. Wir hätten also noch ein bisschen oben bleiben können – aber – Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste und ein Gewitter mit Blitz ist im Gebirge kein Spaß. Unsere letzte Tour – eine ausgewachsene Offroadtour mit knapp 80 Kilometer Schotter unter den Stollen. Auf dieser Tour wechseln wir von Begos kommend und in Richtung Asterri d’Aneu fahrend insgesamt sieben Mal die Landesgrenze von Spanien und Frankreich. Diese Tour geht durch eine Bilderbuchlandschaft und nach jeder Wegbiegung bzw. Kurve eröffnet sich ein neues wunderbares Panorama. Besonders beeindruckend ist die Tierwelt. Obwohl ich nun ja schon häufig in den Bergen auf entlegen Offroad-Trails in Europa unterwegs war – so viele freilebende Pferde und Kühe wie an diesem Tag habe ich noch nie gesehen. Die Pferde kennen fast keine Scheu und kommen zielstrebig auf uns zu und lassen sich tätscheln und streicheln. Häufig machen sie den Weg gar nicht frei und wenn sie sprechen könnten, dann würden sie uns bestimmt sagen – bleibt doch noch bei uns – hier ist es schön.

Weder Jürgen noch ich wollen gehen. Und schon gar nicht zurück nach Deutschland. Schon gar nicht zurück in unseren gewohnten Alltag. Das Endurwandern ist eine besondere Art des Reisens. Es ist nicht schnell und nicht langsam. Es ist intensiv und abwechslungsreich. Nein – wir wollen nicht zurück – aber wir müssen. Unsere Familien, unsere Freunde und unsere Jobs warten auf uns. Das ist auch gut so. Die Bilder von Freiheit in Andorra und Espot aber bleiben in unseren Köpfen. Sie werden sofort wach, sobald wir in unserem alltäglichen Trott angekommen sind. Kommt Stress oder schlechte Laune auf – zack sind die Bilder vom Pico Negro – von den Schmuggler-Pfaden und der einzigartigen Bergwelt präsent.  

Die Heimfahrt verläuft wenig spektakulär. Generell habe ich längst die Erkenntnis, dass sich Rückfahrten doppelt so lange anfühlen wie Hinfahrten. Das ist auch dieses Mal so. Eine weitere Erkenntnis ist die Tatsache, dass 40 Grad Außentemperatur auf der Autobahn von Marseille nach Lyon kein Spaß sind. Bei Tempo 80 bis 130 km/h bläst einem der Fahrtwind wie ein heißer Föhn ins Gesicht. Was würde ich dafür geben, jetzt wieder auf dem L’Orri-Plateau bei frischen 9 Grad zu stehen und die Bergwelt der Pyrenäen zu bestaunen.

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