California Dreaming


Die Organisation Backcountry Discovery Routes (BDR) hilft Adventure Bikern mit ausgearbeiteten GPS-Tracks, die besten Strecken in den USA zu finden. Für die neunte Route wurde Kalifornien ausgewählt. Doch der Sunshine State ist so riesig, dass er in zwei Phasen erschlossen wird. Wir stellen die bereits verfügbare südliche­­ Route vor. Text: Paul Guillien Fotos: Ely Woody, Paul Guillien

Seit vielen Jahren träumen Reiseenduristen von einer Backcountry Discovery Route durch Kalifornien. Dieser riesige Staat ist so reich an wunderschönen und wilden Landschaften, dass es sehr schwer ist, die optimale Route zusammenzustellen.
Hilfe bei der Entscheidungsfindung gibt nun die neue Southern California Backcountry Discovery Route. Diese von Süden nach Norden verlaufende Route beginnt in Yuma, das an der Grenze von Kalifornien, Arizona und Mexiko liegt. Während des Goldrausches in Kalifornien galt die Fähre in Yuma als das Tor nach Kalifornien, da sie eine der wenigen Möglichkeiten war, den mächtigen Colorado River zu überqueren.
Im Imperial National Wildlife Refuge fahren wir auf unbefestigten Wegen entlang des Colorado River nach Norden, wo wir mit dem Picacho-Campingplatz eine hervorragende Übernachtungsmöglichkeit finden. Jaulende Kojoten und schreiende Esel recht nah an unseren Zelten sorgen für ein surreales Gutenachtlied.
Der Morgen kommt, und unsere Fahrt auf dem Gavilan Wash erweist sich in der derzeit herrschenden Sommerhitze als schwieriger als damals, als wir zum ersten Mal im kühlen und feuchten Frühling unterwegs waren. Es braucht gute Sandfahrkenntnisse und eine gefühlvolle Gashand, um auf dem weichen Untergrund voranzukommen. Fast zwei Stunden und unzählige Schiebeeinlagen benötigen wir für die 3,6 Meilen des sandigen Flussbetts.
Eine weitere Herausforderung stellt sich unserem Team auf der langen, steilen Steigung zur Excelsior Strip Mine. Hier bekommen wir es mit einer Mischung aus großen glatten Felsen und Lockermaterial zu tun. Wenn man den oberen Grat erreicht, fällt der Blick in ein riesiges Loch in der Erde, das die Einheimischen Colosseum Gorge nennen. Wir fahren hinunter zum Grund, verzichten aber vorsichtshalber auf ein Bad in dem trüben grünen Wasser.

Wir entkommen der Wüstenhitze und trinken Dattel-Milch­shakes auf der China Ranch. Diese Farm ist eine üppig grüne Oase in der sonst unwirtlichen Mojave-Wüste in der Nähe des Death Valley. Die Gruppe genießt die angebotenen Leckereien, während wir uns im Schatten entspannen.
Unsere frühe Ankunft in der schrulligen Stadt Tecopa gibt uns einen Tag, der nie zu enden scheint. Wir nehmen ein Bad in den heißen Quellen, spielen Tischtennis in einer Bar, bekommen Cocktails zum Mitnehmen, fahren mit dem Fahrrad den Highway hinunter und tragen nur Flip-Flops und Badekleidung. Wir machen ein Nickerchen, dann genießen wir ein Barbecue und Craft Beer.
Nach dem Abendessen zaubert der Sonnenuntergang eine Explosion von Farben in den Himmel. Mit Einbruch der Dunkelheit beginnt die Live-Musik. Talente aus Tecopa und Umgebung begeistern uns ebenso wie die Feuerjongleure. Wir schlafen schließlich in kuriosen Wohnwagen, die wir im Delight‘s Hot Spring Resort gemietet haben, das für die heilende Kraft seines Wassers bekannt ist.
Unsere Route berührt zahlreiche Highlights des Death Valley, darunter das Badwater Basin (der tiefste Punkt Nordamerikas mit 282 Fuß unter dem Meeresspiegel) und den Furnace Creek, der mit 56,7 Grad Celsius den Rekord für die höchste jemals gemessene Schattentemperatur hält. Wir arbeiten uns vom Talboden aufwärts und spüren, wie die Temperatur um 15 Grad sinkt, bis wir die alte Bergbau- und Bordellstadt Beatty in Nevada erreichen. Hier gönnen wir uns ein Essen und tanken die Motorräder auf.
Das nächste Ziel ist der nahegelegene Titus Canyon, einer der berühmten Slot-Canyons, deren Entstehung Geologen lange Rätsel aufgab. Der Dirt Track windet sich am Grund der schmalen Schlucht mit ihren hoch aufragenden Felswänden,

die den Himmel zu berühren scheinen, entlang. Kürzlich hat ein Unwetter den Pfad ausgewaschen, was ihn wild und unberechenbar macht – gerade so, wie wir es mögen. Dies ist die perfekte Strecke für Adventure Biker, entsprechend breit ist das Grinsen, das wir auf unseren Gesichtern tragen.
Race Track Playa ist ein Ort, den man einmal im Leben besucht haben muss. Doch der Preis hierfür sind 20 Meilen schreckliche Wellblechpiste. Unsere Hände werden taub, und wir haben das Gefühl, sämtliche Schrauben würden aus dem Motorrad gerüttelt.
Das Geheimnis der »Wandernden Felsen« wurde erst vor wenigen Jahren gelöst, als Forscher dem strengen Winter trotzten und ein einzigartiges Zusammenspiel von Wasser, Eisplättchen und starken Winden als Ursache für die »Wanderungen« ausmachten, auf denen die Felsen ihre bizarren, bis zu 500 Meter langen Spuren auf der Playa hinterlassen.
Steil, rau und sehr unterhaltsam ist der hügelige Abschnitt des Jeep Trails, auch bekannt als Lippencott Mine Road. Im Herzen des Death Valley gelegen, bietet dieser zerklüftete Weg lose Felsen, tiefe Auswaschungen und Abgründe, die nichts für schwache Nerven sind. Die Strecke ist auch berüchtigt für die große Hitze und häufige schwere Unwetter. Doch bei den heute herrschenden Bedingungen ist es eine wahre Freude hier zu fahren.
Unsere Gruppe teilt sich auf, so dass einige die Hauptstraße fahren können, während der andere Teil den schwierigen Weg zum Buena Vista Peak in Angriff nimmt, um die berühmte Geisterstadt auf dem Hügel zu sehen. Wir schwitzen auf diesem Pfad, der eher einem Flussbett ähnelt und sich zwischen autogroßen Felsen hindurchschlängelt.

In der Nähe des Gipfels wird der Weg besser, und wir werden mit einer geradezu alpinen Streckenführung belohnt, die in Serpentinen den Berg hinaufführt. Wir überwinden die 2591 Meter hoch gelegene Passhöhe und erreichen schließlich die alte Minenstadt Cerro Gordo.
Der Aufseher der historischen Stätte referiert leidenschaftlich die Geschichte der Mine und hat die haarsträubensten Stories aus dem Wilden Westen auf Lager. Doch auch heute geht es noch rau zu hier draußen. In einem der letzten Winter war er hier oben eingeschneit, so dass sein Essen vom Flugzeug abgeworfen werden musste.
Als wir durch die Alabama Hills rollen, raubt uns das Farbenspiel fast den Verstand. Es ist spätnachmittags, und das flache Sonnenlicht zeichnet ein kontrastreiches Bild der rundlichen Felsformationen vor dem Hintergrund der zerklüfteten Spitzen des 4421 Meter hohen Mount Whitney. Wir schlagen unser Lager an einem von Felsen geschützten Platz auf und genießen den weiten Blick auf diese majestätische Landschaft.
Am nächsten Morgen erkunden wir die Relikte in der Reward Mine und fahren sogar mit unseren Motorrädern direkt ein Stück weit in einen engen Stollen hinein, in dem von 1860 bis in die 1980er Jahre Gold und Silber abgebaut wurden. Klaustrophobische Gefühle erfassen uns, während wir durch die Dunkelheit rollen. Am Ende angekommen, stellen wir die Maschinen ab und genießen den Grusel, von festem Fels umgeben zu sein, mehr als eine viertel Meile vom Eingang entfernt.
Zwei optionale Abschnitte am Ende der Route bieten große Her­ausforderungen für schwere Adventure Bikes. Die kurvenreiche Strecke ist geprägt durch starkes Gefälle, außergewöhnlich enge Kehren und riesige Felsbrocken, die die Fahrbahnoberfläche durchsetzen. Diese Strecke erfordert intensive Kupplungsarbeit und eine sichere Balance. Fahrtechnisch und landschaftlich ist dieser Abschnitt der Southern California BDR unglaublich reizvoll, er hat mich jedoch an mehreren Stellen fahrerisch und konditionell an meine Grenzen gebracht.
Wir parken unsere Motorräder und gehen hinauf zu den rotbraunen Felsformationen, die vor 750.000 Jahren bei einem heftigen Ausbruch der Long Valley Caldera entstanden sind. Wir sehen eine Vielzahl von Petroglyphen, Felszeichnungen, die von Indianern angefertigt wurden, die vor rund 8000 Jahren in diesem Gebiet lebten. Einige Forscher spekulieren, dass es sich hierbei um Aufzeichnungen von Himmelsphänomenen oder zeremonielle Darstellungen handelt, denn die Gravuren unterscheiden sich von den üblichen Petroglyphen, die meist Tiere, Jäger und das tägliche Leben darstellen.
Den letzten Abend unseres Kalifornien-Abenteuers verbringen wir in einem historischen Motel in der Nähe von Benton. Wir baden in den heißen Quellen, blicken in den klaren Sternenhimmel und reflektieren die Erfahrungen der letzten neun Tage auf der unglaublichen Southern California Backcountry Discovery Route.

Category: Adventure | Travel