Der Fall der Fälle


Offroadreisen führen uns in abgelegene Regionen, wir erleben Motorrad und Natur in höchster Intensität. Doch »da draußen« warten nicht nur spannende Abenteuer, sondern auch handfeste Gefahren. Jakob Weinknecht erläutert auf Grundlage eigener Erfahrungen, wie man die Risiken auf Endurotouren sinnvoll managt.

Es war nur ein winziger Moment der Unachtsamkeit. Offenbar habe ich einen größeren Stein übersehen, und schon überschlage ich mich samt Motorrad rund drei Meter die Böschung hinab und lande im Bach. Das Motorrad mit seinen gut 200 Kilogramm fällt mir auf den Rücken.

Dies ist in groben Zügen der Ablauf meines schweren Unfalls, der sich beim Scouting zur ACT Romania tief in den Wäldern der Karpaten ereignete. Erste Diagnose: Acht gebrochene Rippen und Gehirnerschütterung. Die genaue Untersuchung drei Tage später in Österreich zeigt ein noch drastischeres Bild. Drei Rippen links, sieben rechts gebrochen, Pneumothorax, unzählige Prellungen, leichtes Schädeltrauma und zwei komprimierte Lendenwirbel.

Zu meinem Glück waren Filipe Elias und Stefan Klabunde mit mir unterwegs. Sie haben mich umgehend geborgen, hervorragend Erste Hilfe geleistet, die Bergung aus dem Gelände und den Transport ins nächste Krankenhaus organisiert. Hier noch einmal vielen herzlichen Dank an beide!

Auch mit der geballten Erfahrung von 15 Jahren Motorradreisen, zahlreichen Offroadtrainings und der Teilnahme an verschiedenen Rallyes reicht ein kurzer Moment fehlender Konzentration, damit das Unglück seinen Lauf nehmen kann.

Gerade bei Offroad-Motorradreisen sollte man auf solche Ereignisse vorbereitet sein. Diese Vorbereitung fängt schon bei einer entsprechenden Schutzausrüstung an. Ich hatte zum Glück eine Protektorenjacke sowie Hüft- und Knieschützer und Endurostiefel an. Diese Ausrüstung hat noch schlimmere Verletzungen verhindert.

Ebenso wie bei anderen Freizeitaktivitäten mit einem höheren Risiko gilt auch fürs Adventure Biking, dass man nie alleine sondern in einer Gruppe von drei, besser vier, Fahrern unterwegs ist.

Kompetente Erstversorgung sowie rasche Bergung nach einem Unfall entscheiden wesentlich über den weiteren Verlauf. Somit ist auch ein erweiterter Erste-Hilfe-Kurs ein absolutes Vorbereitungs-Muss für Abenteuerreisen. Natürlich gehört auch ein vollständig ausgestatteter Verbandkasten zur Pflichtausstattung. Erste-Hilfe-Kurse werden von Rettungsdiensten und Automobil-Clubs laufend und zu sehr günstigen Preisen angeboten.

Auf den Websites der Automobilclubs finden sich auch Verzeichnisse mit Notrufnummern und Infos zum Rettungswesen in vielen Ländern. Diese druckt man sich aus und führt sie griffbereit mit.

Wir hatten ein satellitengestütztes Notruf-System dabei. Mittlerweile gibt es mehrere Anbieter für diesen Dienst wie Garmin InReach (früher Delorme) oder SPOT. Die Systeme sind unabhängig vom Mobilfunknetz und können sowohl die Reiseroute tracken als auch Notrufe absenden. Ein Notruf geht den Weg über ein internationales Call Center, zu einer nationalen Rettungsorganisation, die wiederum lokale Einsatzkräfte mobilisiert – kurzum er braucht viel Zeit. Dennoch können diese Systeme sehr sinnvoll sein, etwa wenn es unmöglich ist, vor Ort Hilfe zu organisieren.

Obwohl wir am Unfallort kein Mobilfunk-Netz hatten, haben wir uns entschieden, direkt vor Ort Hilfe zu suchen. Filipe hat bei einem nahegelegenen Forstbetrieb Fahrer und Geländewagen organisiert, um mich aus dem Gelände zu transportieren, während Stefan weiter Erste Hilfe leistete.

Gleichzeitig wurde ein Rettungswagen gerufen, der mich an einer nahe gelegenen Straße zum Transport ins nächste Krankenhaus übernommen hat. So verging vom Unfall bis zur Versorgung im Krankenhaus nicht einmal eine Stunde.

Parallel zur medizinischen Erstversorgung in Rumänien lief bereits die Rettungskette des Austrian Ambulance Service in Österreich, koordiniert durch den ÖAMTC, an. Nach Abstimmung zwischen den Ärzten in Rumänien und Österreich konnte nach drei Tagen ein Heimtransport in ein spezialisiertes Traumazentrum nach Wien vorgenommen werden. Hierfür wurde ein dreiköpfiges Rettungsteam mit Notarzt von Österreich nach Rumänien geschickt.

Hier die klare Empfehlung, durch eine entsprechende Versicherung, welche solche Dienstleistungen umfasst, vorzusorgen. Entsprechende Policen werden von Automobilclubs und spezialisierten Versicherern angeboten.

Trotz der schweren Verletzungen konnte ich nach nicht einmal drei Wochen das Krankenhaus verlassen und einen Monat später wieder Arbeiten. Solch ein idealer Verlauf hat auch mit Glück zu tun, vielmehr aber noch mit sofortiger Bergung und Erstversorgung durch meine Mitreisenden und eine schnelle medizinische Versorgung.

Und das Motorrad?

Zugegeben, im Moment des Unfalls war uns mein Motorrad, das LARB Projekt Bike (s. Ausgabe 1/18), nicht wichtig. Doch noch am gleichen Tag konnte Filipe berichten, dass er das Bike aus dem Wald herausfahren und keine gröberen Schäden feststellen konnte.

Dies sollte sich auch einige Wochen später, als ich die Maschine bei Touratech Österreich wieder abholen konnte, bestätigen. Das Konstruktionskonzept mit Sturzbügel, Motorschutz, Rally-Kit und Gepäckträger hat sich vollständig bewährt.

Auch die ZEGA Pro Koffer hatten den Überschlag – natürlich etwas verbeult – gut überlebt. Mit etwas Ausklopfen konnte man diese wieder am Bike anbringen und weiterreisen. Die Touratech Werkstatt in Niedereschach konnte den rechten Koffer komplett wieder herstellen, beim Linken war der Austausch gegen einen neuen wirtschaftlicher.

Jetzt werde ich die ZEGA Koffer noch in den Husky-Farben weiß, blau und gelb lackieren – und dann geht es Ende September mit Touratech Österreich wieder auf Karpaten-Tour.

www.facebook.com/larbproject

GUT GERÜSTET – RISIKEN SINNVOLL VORBEUGEN

Mit der richtigen Ausrüstung und sorgfältiger Vorbereitung lassen sich die Risiken auf Offroadreisen mini­mieren.
    
PERSÖNLICHE SCHUTZAUSRÜSTUNG

Helm und ggf. Crossbrille, Offroadstiefel, Rückenprotektor, Protektorenjacke, Hüftprotektor, Knie-/Scheinbeinschützer, Handschuhe, Motorradanzug
    
FAHREN IN DER GRUPPE
Ideal sind drei bis vier Personen
    
ERSTE-HILFE-KENNTNISSE
Erweiterter Erste-Hilfe-Kurs und regelmäßige Auffrischungen
    
SATELLITENGESTÜTZTES NOTRUF-SYSTEM
Global Notrufe absetzen unabhängig vom Mobilfunknetz. Auch die eigene Position kann automatisch übermittelt werden
    
NOTRUFNUMMERN GRIFFBEREIT
Wichtige Rufnummern und Besonderheiten des Rettungswesens im Reiseland notieren
    
VERSICHERUNGEN
Die Police muss Krankenrücktransport aus dem Ausland abdecken. Auch die Fahrzeugrückholung sollte versichert sein.





Category: News, Adventure | Travel