E = M³ | Unterwegs in Istrien


Text: Rüdiger Becker | Fotos: Dominique Polk & Rüdiger Becker | www.bikenfly.de   Es ist Anfang August. Wie Maschinengewehrsalven prasselt der Regen unentwegt gegen das schlierige Küchenfenster. Der diesjährige Sommerurlaub steht vor der Tür, der augenscheinlich sämtliche Schönwettermanieren vergessen zu haben scheint.

(Text und Fotos: Dominique und Rüdiger Becker)

Wir sind an feste Urlaubszeiten gebunden und können daher weder dem Wetter noch dem nun beginnenden Touristenstrom auf schlingernden Badelatschen und quietschgelben Luftmatratzen ausweichen. Eine völlig neue Erfahrung, suchen wir doch sonst die Ruhe der Nebensaison.

Da sich Mitteleuropa im eisernen Griff eines lang anhaltenden regenreichen Tiefs befindet, richten wir uns nach den letzten verbliebenen Sonnensymbolen auf den einschlägigen Wetterkarten: die südöstliche Mittelmeerregion – Istrien. Die Richtung unserer Reise wird also durch das Wetter vorgegeben. Einverstanden. In einer anderen Sache wollen wir jedoch keine Zugeständnisse machen: wir brauchen dringend Erholung!

Zwar war das Gebiet der Mathematik noch nie meine Stärke, aber werfen wir doch einfach mal die allgemeingültigen Regeln der Algebra über Bord und stellen eine ganz eigene, persönliche Gleichung auf: Erholung = Motorrad x Mittelmeer x Mainstream; kurz: E=M³
 
Kann diese Gleichung aufgehen?

Hinter Rijeka halten wir uns links. Links, das heißt hier immer entlang der weniger dicht besiedelten Ostküste. Die Küstenstraße trägt uns auf griffigstem Asphalt über Opatija und Lovran nach Labin. Allein die fabelhaften Ausblicke auf die Kvarner-Bucht lassen uns nicht gänzlich im Rausch der Ideallinie versinken. Von Labin aus geht es auf kleinsten Sträßchen quer über die Halbinsel Crna Punta. Fischerboote und einfache Privatyachten schaukeln fröhlich im beschaulichen Hafen von Sveti Marina.
Hinter Ravni nehmen wir einen unscheinbaren Abzweig nach rechts. Aus schmal wird eng, aus eng wird maximal Zega-Koffer breit. In dieser Dimension windet sich ein Asphaltbändchen in wilden Biegungen und Kehren auf den 475 Meter hohen Brdo hinauf. Jeder Gedanke an Gegenverkehr wird ausgeblendet. Belohnung für dieses Quäntchen Gottvertrauen ist ein herrlicher Ausblick auf die Inseln Cres und Lošinj. Salzige Meeresluft füllt unsere Lungen, während wir wieder genüsslich hinab zur Küste kurven.
Wir bleiben auf Südkurs. Bei Kavran stoßen wir unvermittelt auf Schotter. Das kommt uns mehr als gelegen. Beherzt geben wir unseren Bikes die Sporen und stauben kilometerlang auf breiter Schotterpiste entlang der tiefblauen Adria.

Istriens wirtschaftliches, kulturelles und inoffiziell auch politisches Zentrum Pula empfängt uns zunächst mit viel Verkehr und Hitze. Wir gehorchen brav dem Navigationsgerät, lassen uns durch Wohngebiete, Hafenanlagen und Marktviertel dirigieren und kommen schließlich vor senkrechten, 31 Meter hohen Mauern zum Stehen: das aus der römischen Epoche stammende Amphitheater – bis heute Pulas Wahrzeichen. Die mächtige steinerne Kulisse in ihrer perfekten elliptischen Form regt mühelos unsere Fantasie an. Wilde Bären ringen mit zum Tode verurteilten Gefangenen, angriffslustig belauern sich Gladiatoren beim Jubel der Menge und das Klirren der gekreuzten Schwerter zerreißt die brodelnde Luft. Mit einem leichten Schaudern verlassen wir diesen geschichtsträchtigen Ort.



Von Pula aus fahren wir Richtung Westen, mitten hinein ins Herz des Massentourismus. Istriens Westküste ist zweifellos eine der beliebtesten Urlaubsdestinationen deutscher und italienischer Touristen. Mittelmeer und Mainstream treffen hier mit Wucht aufeinander und vereinen sich im Handumdrehen. Wir mogeln uns durch dichten Urlaubsverkehr. Das Überholen von Wohnmobilen und Caravan-Gespannen wird hier zum Leistungssport. Einzig die Altstadt von Rovinj lockt uns zu sehr, als dass wir schlagartig die Flucht antreten. Es dämmert bereits. Die aufziehende Nacht umhüllt den verwinkelten Kern der Altstadt und verleiht ihm eine magische Aura. Gedämpftes Licht wabert aus schmiedeeisernen Straßenlaternen. Würziger Duft gehaltvoller Mahlzeiten dringt aus den zahllosen Küchen der liebevoll eingerichteten Restaurants. Ausgelassene Gespräche entspannter Menschen erfüllt die Luft mit Leben. Wie Treibgut lassen wir uns durch Rovinjs Altstadtgässchen schwemmen, saugen gierig die Flut mannigfaltiger Sinneseindrücke in uns auf.
ls Kontrast zum Pulsieren der Stadt gelüstet es uns am Folgetag nach Einsamkeit und Ruhe, und so nehmen wir das Hinterland der kroatischen Halbinsel unter die Räder. Spätestens in der Gegend um das kleine Bergstädtchens Motovun werden wir fündig. Entspannt cruisen wir mit weitläufigem Blick auf das Mirna-Tal durch bergige, dünn besiedelte Landschaft. Verstreute, gegen die Kraft des Windes zusammengekauerte Gehöfte zeugen still von einem Leben im Dienste harter Agrararbeit. Touristen mit locker sitzenden Geldbörsen scheinen hier weit mehr als ein Steinwurf entfernt zu sein. Dichter Eichenwald verschluckt uns auf dem Weg nach Buzet. Die kleinen Dörfer am Straßenrand wirken wie ausgestorben. Eine freundlich winkende Hand aus einem entgegenkommenden sonnengebleichten Fiat Panda ist für viele Kilometer die einzige menschliche Begegnung. Der wohltuende Tunnel der Stille spuckt uns erst wieder an der Ostküste aus.

Was wäre ein Kroatienurlaub ohne einen Inselbesuch?
Der Bauch der Fähre in Brestova schluckt uns mit einem Happen. Eine süße Apfeltasche später fliegen Triumph und KTM kurvenhungrig auf der Hauptstraße über den Rücken der Insel Cres. Körnig rauer Asphalt gewährt uns einen zumeist schrägen Horizont vor dem Sichtfeld der Visiere.

Das istrische Festland zur Rechten, die Insel Krk zur Linken – gewaltige Landmassen, rührselig bemuttert von den kräuselnden Wellen der Adria. Südländisches Flair lässt uns im Hafenstädtchen Cres auf einen Cappuccino halten. Belebt von der köstlichen Koffeinspritze stoßen wir schon nach den ersten Metern der Weiterfahrt auf ein verlockendes Schottersträßchen. Kein Verbotsschild weit und breit. Das heißt für uns: Umschalten in den Modus „Enduro light“ - kurz Gas geben, aufstehen und ganz relaxt im zweiten Gang dahinpoltern. Zeit genug nachzudenken und kopfzurechnen: wir fahren Motorrad, multiplizieren das mit dem atemberaubenden Blick auf das Mittelmeer und gerne auch mit dem Mainstream-Charakter dieser Urlaubsörtlichkeit.
Auf der anderen Seite steht das Gefühl vollumfänglicher Erholung - Gleichung gelöst!

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