Im Süden was Neues


Text und Fotos: Dirk Schäfer

Es ist fast wie beim Sylvesterklassiker „Dinner for one“: Keiner will es sehen weil es immer das Gleiche ist. Aber schließlich schaut man es doch und hinterher haben alle Spaß gehabt. Genauso ist es mit vielen Trips nach Tunesien. Fähre nach Tunis, ruck zuck in den sandigen Süden, 10 Tage Spaß und dann wieder flott nach Hause. Aber nach dem Arabischen Frühling ist Tunesien anders geworden. Zeit, endlich mit „same procedure as last year“ zu brechen.

Jochen ist es nicht gewesen, Andy wohl auch nicht. Johannes ganz bestimmt nicht. Blieben nur Guido oder ich. Und dass ich es nicht gewesen bin, da war ich mir ganz sicher. Auf jeden Fall hätte ich besser aufpassen sollen. So aber rollten wir unsere Enduros durch den schmalen Eingang des ebenso charmanten wie orientalischen Hotels Sidi Bou Fares auf das wulstige Kopfsteinpflaster der Altstadt von Sidi Bou Said. Der Eingang unserer Herberge war so schmal, dass ich meine 690er um ihre Koffer erleichtern musste, damit sie durchpasste. Danach schraubten Guido und ich die Koffer wieder an, als wir hinter uns den unverkennbaren Slang von Besuchern aus dem amerikanischen Westen hörten. „Amazing!“ „What an adventure!“„Absolutely fantastic!“ Wir fühlten uns, als ob wir gleich zur Dakar antreten würden. Stunden später sollte ich an diesen seelenstreichelnden Smalltalk erinnert werden.

Ist das wirklich Nordafrika?

Die sanft gewellten Hügel strotzen nur so vor fruchtig-mediterranem Grün. Kein Wunder, schließlich sind wir noch auf der geografischen Höhe von Sizilien unterwegs. Während die vier Freunde relaxt vor mir her brummen, gondeln meine Gedanken bereits um die erste Pistenetappe. Und plötzlich höre ich dieses Geräusch!
Es ist sofort da. Laut schnarrend, metallisch trommelnd. Einen Moment später rutscht das Vorderrad der 690er nach links. Mit dem Glück des Ahnungslosen kann ich die Fuhre einfangen. In dem Moment verstummt das schnarrende Geräusch. Was war das? Bin ich über etwas gefahren? Split, der gegen den Motorschutz klackert? Ich schaue in den Rückspiegel. Nichts zu sehen. Der Zwischenfall lässt mir keine Ruhe. Ich wende während die Freunde weiter fahren ohne mein Fehlen zu bemerken.
Split war es nicht, der Asphalt ist makellos wie ein Weltraumteleskop. Aber was war es dann? Ach, auch egal. Ich hake den Vorfall ab und gebe der KTM die Sporen, um die Vorausfahrenden einzuholen. Die warten an der unsere Einstiegspiste vom Asphalt abzweigt, sehen mich kommen und könnten eigentlich schon los fahren. Tun es aber nicht.
„Sag mal, was ist denn mit Deinem Koffer?“ Ich schaue nach links und kann nichts Ungewöhnliches entdecken. „Andere Seite!“. Au Backe! Der Koffer ist weg! Es dauert eine halbe Sekunde bis mir klar wird: Das metallische Rattern war der Koffer, der sich vom Motorrad trennte und wohl noch Kontakt mit der Kette hatte bevor er sich in den Weiten des tunesischen Frühlings verlor. Und mit ihm Laptop, Kamerazubehör, Wohnungsschlüssel plus Krimskrams. Ich bin noch starr vor Entsetzen, da hat Guido schon gewendet und legt einen Start hin, der zu einem Wettlauf auf Laptop und Koffer wird.

Dreißig Kilometer, es müssen ungefähr dreißig Kilometer bis zum Koffer sein. Wie konnte der nur verloren gehen? Jetzt fällt es mir wieder ein: Heute Morgen bei der Herberge. Der Plausch mit den Amerikanern! Dreißig Kilometer! Der Koffer wird längst weg sein, eine Schatzkiste am Straßenrand. Dann sehe ich Guido voraus. Er ist vom Tempo gegangen, scannt die Landschaft nach einer silbrigen Kiste. Aber ich weiß genau, wo es gewesen sein muss. Und so donnere fast schon fiebrig an Guido vorbei. Und da links, da blinkt doch etwas im Sonnenschein. Ja, da ist sie!
In der Ferne wächst ein Tafelberg aus dem welligen Land nahe der algerischen Grenze. Ich denke immer noch an Koffer. Wie viel Glück kann man eigentlich haben? Das Ding ist unversehrt, nur ein paar kleine Schmarren im Alu. Ich würde bei einem Sturz mit Tempo 80 nicht besser aussehen. Aber: Ist damit nicht vielleicht schon mein Kontingent an Urlaubsglück aufgebraucht?

Stop in Kasserine. Mit dem arabischen Frühling muss sich ein Frachter mit Pizzaöfen hierher verirrt haben. Überall wird Pizza angeboten. Margerita, Funghi, Quattro Formaggi und Tonno. Über unserem Terrassenrestaurant wohnen Studentinnen der Uni von Kasserine. Seit die Motorräder auf der Terrasse der Pizzeria stehen, liegen die Mädels in den Fenstern. Verschmitztes Lächeln, schüchternes Winken. Tunesien ist anders geworden.

Ab Redeyef geht’s richtig rund.

Der bockige Abstieg in die Ebene der Chotts, der Salzseen, ist schnell gemeistert. Der Himmel mit seinem tiefen Blau suggeriert, dass die Querung des Chott el Djerid nicht mehr als eine Spazierfahrt sein wird. Sollen wir ihn wirklich auf der Vogelfluglinie überqueren? 50 Kilometer über die tückische Salzkruste?
Was wir in den Jahren vorher nie wagten, wird jetzt, trotz aller Vorsicht, zum Rausch. Die Luft flirrt wie über einem Osterfeuer. Das Gefühl für Raum und Geschwindigkeit ist in Tozeur am Rande des Chotts zurückgeblieben. Tachocheck. 90 km/h. Deutlich zu schnell. Wo sind die anderen? Wie eine Formation Kraniche am Himmel, schweben sie hier unten knapp über dem ausgehärteten See. Das Herz will vor Glück wie ein praller Ballon zerplatzen.

Wir wollen eine altbekannte Route aufpeppen: Der Ritt zum Sandrosenerg war für uns bislang eine Sackgassenroute. Ein paar mal hatten wir uns schon an den Dünen versucht, sind am Ende aber immer wieder abgedreht. Aber diesmal ist alles anders. Eine Auffahrt nach der anderen fällt hinter uns zurück bis wir ganz oben stehen. Der Direttissima nach Douz steht jetzt nichts mehr im Weg. Auch nicht der Querfeldeinfahrt ins legendäre Ksar Ghilane.

Zurück zur Küste, nach Mahdia.

Das Mittelmeer plätschert milde gegen die Felsen der Altstadt. Über Hunderten von Gräbern aus längst vergangenen Tagen kreist der Feuerschein des Leuchtturms von Mahdia. Vor 1000 Jahren war Mahdia die mächtige Hauptstadt der Fatimiden-Herrscher. Bis sie fortzogen um in Ägypten ein noch größeres Reich zu gründen. Tunesien wird wohl nicht größer werden. Aber vielleicht bekommt das Land nach der Revolution eine neue Identität. Ein neues Gesicht hat es jetzt schon.

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